Gaias

Gaias – Pilgerstätte der Architekten und zornigen Rentner

Silvia, 28, ist eine der 4 festbeschäftigten Fremdenführer der Cidade da Cultura de Galicia auf dem Berg Gaias in Santiago de Compostela. Sie hat dunkle lockige Haare und ihre exotischen, beinahe arabischen Gesichtszüge verleihen ihr eine natürliche südländische Schönheit. Aber wenn sie deutsch spricht, spricht  eine Rheinländerin. Sie verbrachte ihre ersten 20 Lebensjahre in Grevenbroich (Nordrhein-Westfalen) und nach dem Abitur zog es sie in das Land, aus dem ihre Eltern stammen. Während diese in Deutschland blieben, ging sie nach Santiago, um Germanistik zu studieren. Jetzt erklärt sie auf Rundgängen, an denen auffallend viele Architekten unter den deutschen Besuchern teilnehmen, die konstruktiven Details dieser monumentale Kulturstadt von sechs Gebäuden. Aber auf die häufigste Frage, wie Galicien, ein kleines und strukturschwaches Land, sich ein so überdimensionales Projekt leisten kann, kann sie keine Antwort geben. Es gibt wohl niemanden, der das kann.

Gaias Fremdenführerin Silvia
Silvia ist eine der 4 festen Fremdenführer en der „Cidade da Cultura“

Für Silvia sind das die frustrierendsten Augenblicke ihrer Arbeit. Vor allem die einheimischen Rentner, die in organisierten Tagesausflügen auf den Gaias gefahren werden, liessen keine Gelegenheit aus, um die Verschwendung zu kritisieren, beklagt sie; sie wären dabei sehr stur und nörgelig. Am liebsten wüssten sie den Preis jeder einzelnen Granitplatte. Aber am Schluss gelänge es ihr doch, die meisten Teilnehmer zu besänftigen, indem sie ihnen die Einmaligkeit der Architektur verständlicher mache. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Renten für die meisten sehr niedrig sind und Misstrauen und Sparsamkeit als typische Charaktereigenschaften des Galiciers gelten.

Im Jahre 1997 hatte der damalige Ministerpräsident Galiciens Manuel Fraga die Idee, inspiriert vom Erfolg des Guggenheim Museums in Bilbao, einen neuen architektonischen Anziehungspunkt in Santiago zu schaffen. Der galicische Politiker galt – nicht zuletzt wegen seiner Vergangenheit als Minister Francos – als einer der umstrittensten aber auch einer der wichtigsten Figuren der spanischen Rechte. Ein Machtmensch, der das Amt 15 Jahre unangefochten ausüben konnte, bis er 2005 von der Katastrophe des Öltankers Prestige schwer angeschlagen die Wahlen verlor.

1999 wurde der Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den der Amerikaner Peter Eisenman gewann. Er sagte später in einem Interview für die Tageszeitung „El País“, dass nur konservative Politiker seine Ideen unterstützen würden, weil sie sich des finanziellen Wertes der Architektur bewusst seien und Risiken eingingen, während die Linken den Konsens suchen würden. Als 2001 der Grundstein gelegt wurde, beinhaltete das Projekt eine Grundfläche von 60.000 qm mit einem Kostenvoranschlag von 108.200.000 Euros. 2011 war es auf 148.000 qm angewachsen, die Investitionen hatten schon 400.000.000 Euros erreicht. Und das ohne Aussicht auf ein Ende. Der Bau der 2 zentralen Gebäude, unter anderem ein Opernhaus mit drei Aufzügen für drei Inszenierungen am selben Tag als wäre es das Lincoln Center in New York, wie es ein einheimischer Architekt denunziert, ist erst einmal paralysiert. Es fehlt an Geld.

Gaias, Museum
Die gläserne Fassade des Museum ist 43 Meter hoch

Fertig konstruiert sind neben dem Verwaltungsgebäude, das Museum, das Archiv und die Bibliothek Galiciens für eine Million Bücher. Wobei zu bedenken ist, dass erst nach dem Tode Francos Bücher in galicischer Sprache in grösserem Mass subventioniert und herausgegeben wurden.

Dies alles sollte einen nicht davon abhalten, wenn man vom Jakobsweg und seinen Pilgern etwas genug hat, sich zu einem Rundgang durch diese architektonische Kultstätte zu entschliessen, vielleicht begleitet von Silvia, einer jungen Europäerin, die sich Galicierin fühlt und rheinländisch spricht. So wie der Prunk der Kathedrale Santiagos zum Beten oder Beichten nicht notwendig ist, so ist es auch dieser modernen Architektur völlig gleichgültig, wozu die Gebäude dienen. Sie stehen für sich da, um Schönheit und konstruktive Kühnheit zu demonstrieren, oder wie ihre Gegner meinen, Grossspurigkeit und Verschwendung.

Ein Beispiel ist die gläserne Fassade des Museums, 43 Metern hoch und mit einer Oberfläche von 16000 qm. Gleich den anderen Gebäuden hat sie einen geschwungenen wellenförmigen Abschluss, wie die Bögen eines Papierblattes, das man zusammenschiebt. Von oben betrachtet fühlt man sich an die Rillen der Jakobsmuscheln erinnert.

Obwohl der Gaias von vielen Punkten Santiagos zu sehen ist, ist es schwierig dorthin zufinden. Es gibt keine Ausschilderung, ein unverständliches Rätsel. Am einfachsten ist es, sich nach dem Mehrzweckgebäude „Multiusos Fontes do Sar“ zu richten, von dort aus gibt es Schilder mit der Beschriftung ¨Cidade da Cultura¨. Oder man nimmt im Zentrum einen Bus der Linie 9.

Wer mehr Motive braucht, um auf den Gaias zu fahren, kann am 22. Juni auf dem zentralen Platz ein Konzert der isländischen Künstlerin Björk besuchen. Und Mitte Juni wird die Ausstellung  Gallaecia Petrea eröffnet, die bis zum Ende des Jahres repräsentative Steine der Geschichte Galiciens von der Prähistorie bis zur Gegenwart zeigt. Man kann auch am Abend, wie es täglich einige junge Paare machen, auf der Schräge des zentralen Platzes sitzen und den Sonnenuntergang geniessen.

 

 

Veröffentlicht von

Michael Kopa

1954 in Hamburg geboren arbeite ich seit über 20 Jahre als Bildjournalist in Galicien.

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