baixada a morena

Karneval in Laza – Vorsicht bissige Ameisen!

Laza ist eine kleine Gemeinde im Süden Galiciens, umringt von mittelhohem Gebirge und mit etwas mehr als 1000 Einwohnern, die Jahr zu Jahr weniger werden. Es ist Faschingssontag, der Tag, an dem die „Peliqueiros“ ihre jährliche Premiere haben. Am frühen Morgen haben sich ein paar junge Männer im Hause von Miro und Maruja versammelt, um sich diese Verkleidung anzulegen – ein Ritual, das Edelmiro (kurz Miro)  schon über 30 Jahre meisterhaft leitet.

Die Peliqueiros treiben immer wieder die Menge auseinander

Die  „Peliqueiros“ sind die zentralen Figuren des Karnevals in Laza. Jeder trägt eine grinsende Holzmaske, die sich nach oben in einen enormen Hut  wie ein quer getragener Zweispitz verlängert. Auf dessen vorderen Fläche ist das Bild eines Tieres gemalt – die Auswahl ist ohne Einschränkung: vom Steinadler bis zum Schosshündchen. Dazu trägt der Peliqueiro ein weisses Hemd mit Schlips, eine kurze, mit Brokat bestickte Jacke, Model Stierkämpfer, und über den Schultern ein großes Schaltuch. Die Beine kleiden weisse Kniehosen mit Bommeln und ebenso weisse Spitzenstrumpfhosen mit bunten Strumpfbändern. Sechs Kuhglocken, von denen jede einzelne bis anderthalb Kilo wiegen kann, hängen über dem Gesäss an einem Ledergürtel. So ausgerüstet laufen die Peliqueiros durch die Gassen Lazas. Bei jeder Kehre schunkeln sie die Hüften, damit es ordentlich scheppert. Wer ihnen im Weg steht, bekommt ihre Peitschen zu spüren. Es ist also ratsam, immer auf der Hut zusein und ihnen auszuweichen. Auf keinen Fall darf man ihnen an Respekt fehlen.

Peliqueiro zu sein ist ein sehr anstrengender Job, aber für viele junge Männer aus der Gegend überwiegt der Stolz, eine einzigartige Tradition aufrechtzuerhalten. Andererseits ist es nicht billig. Allein die handgemachten Glocken kosten ihre 300 Euros, eine Stange Geld in einer Gegend, wo es wenig Arbeit gibt und viele Menschen emigrieren müssen. Die Kleidung nähen die Mütter, Tanten oder Großmütter für ihre Jungens; auf die Masken haben sich ein paar Freizeithandwerker spezialisiert. Der wichtigste Augenblick beim Anziehen ist das Strammziehen der meterlangen Bauchbinde. Das ist Miros Aufgabe. Je strammer, um so besser – sagt er-, um das Gewicht der Glocken den ganzen Tag zu ertragen.

Manuel ist einer der jungen Männer, die in Miros und Marujas Stube versammelt sind. Auf die Frage, seit wie vielen Jahren er schon den Peliqueiro macht, sagt er 20. Verblüffende Antwort, denn er dürfte kaum älter sein. Die Erklärung ist, dass die Jungen in die Tracht gesteckt werden, wenn sie gerade laufen können. Dann rennen sie hinter ihren erwachsenen Verwandten hinterher – allerdings ohne Maske – und versuchen, sie mit der kleinen Peitsche zu erwischen. Maruja hat einige Schnapsgläschen für die hausgemachten Kaffee- und Kräuterliköre sowie ein Stück Bica (ein typischer Kuchen) auf einen Tisch mit Wachstuchdecke gestellt. Das ist vor allem für den deutschen Besucher, der aber dankend ablehnt. Mit Likör zu frühstücken ist nicht jedermanns Sache. Endlich ist die  Prozedur des Anziehens vorbei. Dann wird die Maske aufgesetzt, dabei darf ihr bemaltes Gesicht aus Respekt mit den Händen nicht berührt werden, und es geht auf die Straße. Der Ursprung des Peliqueiro, mit dieser einzigartigen eklektischen Stilmischung, kennt niemand genau. Parodien auf Steuereintreiber aus dem 16. Jahrhundert, vorchristliche Symbolik und Heidenkult – es gibt viele Theorien aber keine Sicherheit, wie so oft bei den Bräuchen in Galicien.

Montag

Ruralperformance: A baixada da Morena

Während der Sonntag ein ruhiger Karnevalstag ist, an dem viele Besucher in Familie kommen, um die Aufmärsche der Peliqueiros zu bestaunen, geht’s am Montag gleich am Morgen richtig los. Vormittags fliegen schmutzige Drecklappen über die „A Picota“, dem zentralen Dorfplatz, eine Schlacht von jedem gegen jeden, die wohl nur sehr jungen Menschen Spass bringt. Nachmittags aber ist derselbe Platz proppenvoll. Alle warten auf einen der Höhepunkte des Karnevals von Laza, die „Baixada da Morena“. Mit Geduld, vermummt oder verkleidet, mit Musik und Flaschenbier, immer wieder von den Peliqueiros auseinander getrieben, müssen die Versammelten unter anwachsender Spannung bis fast zum Sonnenuntergang aushalten. Plötzlich Panikschreie. Eine wilde Truppe bricht über die Menge hinein. Zuerst erscheint ein Esel mit einer jungen Besucherin – sie verkörpert den Dorftrottel, und niemand aus Laza ist bereit diese Rolle zu übernehmen – und dann ein Grüppchen mit riesigen Stechginsterzweigen, die sich über den Köpfen der Leute bedrohlich auf und ab bewegen, gefolgt von einer Mehlkanone, die bewirkt, dass niemand mehr seine Hand vor Augen sieht. Dazu gesellen sich junge Männer mit  Taucherbrillen und grün bemalten Oberkörpern, die Erde mit beissenden Ameisen über den Platz werfen. Zuletzt taucht ein Mann auf, der einen Kuhkopf aus Holz (A Morena) an einem Stock vor sich herträgt. Mit diesem eigenwilligen Gerät stößt und schubst er die Frauen auf dem Platz. Ursprünglich diente der Holzkopf dazu, ihnen die Röcke anzuheben aber das ist wohl lange her, dass sich jemand  am Rosenmontag mit Rock auf den Dorfplatz von Laza wagt. Das Chaos ist komplett, die Menschenmenge johlt und kreischt. Wohl keiner konnte dem Ginsterbusch-, Mehl- und Ameisenangriff entkommen – hier wird jeder schonungslos in das Spektakel einbezogen. Nicht selten sieht man, wie sich falsch informierte Touristen , die schicke Freizeitkleidung mit Mehl und Erde beschmutzt, in die Seitengassen flüchten.

Danach, wenn die Ruhe wieder einkehrt, kann man gekochte Fleischstücke vom Schweinskopf essen, die von einem Eselskarren herab verteilt werden. Die Menge reisst sich um die Stücke, als wäre eine Hungersnot ausgebrochen. Man kann es nicht vermeiden, dass einem bei dieser Inszenierung die Gemälde von Pieter Brueghel in die Erinnerung kommen.

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