Manolo zeigt die gefischten Neunaugen

Neunaugenfang – ein tausendjähriges Handwerk

Es gibt nur noch selten die Gelegenheit, eine Delikatesse zu probieren, die schon die alten Römer zu den exquisitesten zählten, über die sie in ihrem Reich verfügten: Neunaugen, die man einst in vielen europäischen Flüssen fangen konnte. Heute sind sie in den meisten Gewässern geschützt und nur in Frankreich, Portugal und Spanien können sie gefischt werden. Die Neunaugen sind aalähnliche Geschöpfe, die aufgrund ihrer Besonderheiten nicht Fische genannt werden können. Sie repräsentieren eine vorherige Stufe der Entwicklung: ohne Kiefer und knochiger Wirbelsäule  sind sie 500 Millionen Jahre unverändert geblieben.

Der Miño ist der grösste Fluss Galiciens und in seinem Unterlauf bildet er die Grenze zu Portugal. Aber bevor er endlich den Atlantik erreicht, muss er sich noch einmal durch ein felsiges Tal zwingen, was den ruhigen, breiten Strom in einen hektischen Gebirgsbach zurückverwandelt. Hier, 50 km von der Mündung entfernt, kämpfen die Neunaugen nach einem 4 bis 5 jährigen Aufenthalt im Meer stromaufwärts, um im Frühjahr zu den Laichplätzen zurückzukommen, wo sie als Larven ihren Lebenszyklus begannen.

Angel Fernández, 37, hat sein ganzes Leben auf Baustellen gearbeitet und ist nun städtischer Vorarbeiter in seiner Heimatgemeinde Arbo . Er bewegt seinen korpulenten Körper mit langen Schritten und  verblüffender Behändigkeit die steile Böschung zum Ufer des Miño hinunter. Es ist halb acht morgens und das dämmerige Licht durchdringt mit Mühe die Nebelschwaden, die den Fluss einhüllen. Angel ist einer der Anwohner, die Recht auf die Benutzung einer „Pesqueira“  haben – steinerne Kanäle, durch dessen Strömung  die Neunaugen sich flussaufwärts kämpfen wollen, aber in einer strumpfförmigen Reuse gefangen bleiben. Die ältesten Pesqueiras sind nachweislich aus dem Mittelalter aber man glaubt, dass schon die Römer in dieser Form fischten; die jüngsten sind 150 Jahre alt. Ebenso zurückgreifend sind die Erlaubnisse, die vom Vater an die Söhne vererbt werden, was dazu führt, dass sich heute oft viele Personen eine Pesqueira teilen müssen. Auf mehr als 30 Kilometern haben auf beiden Seiten des Miño etwas mehr als 400 dieser Granitkonstruktionen überdauert, benutzt werden auf jedem Ufer ungefähr 80. Angel sagt, dass vor 40 Jahren die Fischer noch davon leben und ihre Familie ernähren konnten, heute reicht es für den Hausgebrauch und den Verkauf an die örtlichen Restaurante. 120 Neunaugen fischt er durchschnittlich im Jahr, 40 behält er für sich.

Unten am Fluss bewegen sich mehrere Männer behände auf dem feuchten und rutschigen Granit und ziehen ihre Netze nach oben. Es ist kein erfolgreicher Morgen, nur Manolo, 48,bringt von seiner Pesqueira flussabwärts  in einem Jutesack 7 Exemplare. Für den Rest ist der Fang schlecht. Der Winter war sehr trocken, erst jetzt im April hat es zu regnen angefangen. Aber es gibt noch mehr Probleme. In der Flussmündung fischen Berufsfischer mit Netzen auf der ganzen Breite des Flusses. Für Angel  ist die Ausbeutung des Flusses zu wenig kontrolliert , weil er als Grenzgebiet in die Kompetenz der Kriegsmarine fällt. Was wissen die schon vom Fischen und Umweltschutz, meint er. Angel und Manolo sind Mitglieder der Fischervereinigung „O Trabadoiro“. Sie verteidigen die Pesqueiras, die Jahr für Jahr weniger fangen, weil sie ihre Orte aufwerten, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch landschaftlich, abgesehen von ihrer geschichtlichen Bedeutung. Für sie ist es auch die schonendste Art der Fischerei, weil die Mitte des Flusses offen bleibt. Das ist wichtig, weil jedes Jahr der Fang geringer ist. Die Neunaugen kommen nur zu dem Fluss zurück, in dem sie geboren wurden, einmal ist der Lebenszyklus unterbrochen, verschwinden sie für immer aus diesem Fluss.

 

Veröffentlicht von

Michael Kopa

1954 in Hamburg geboren arbeite ich seit über 20 Jahre als Bildjournalist in Galicien.

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