Im Sarg über den Festplatz

 

Emilia ist Kindergärtnerin, 33 Jahre alt und hat einen Vater, der nach einer schweren Herzoperation noch einmal mit dem Leben davongekommen ist. Sie hatte ein Gelübde abgelegt und die Schutzheilige ihres Geburtsortes um Hilfe gebeten. Jetzt will sie es erfüllen. In Santa Marta de Ribarteme, ein kleines Gebirgsdorf, nicht weit von den Ufern des Miño-Flusses und der portugiesischen Grenze entfernt, gibt es den Brauch, sich der heiligen Marta dankbar zu zeigen, in dem man sich in einen Sarg legt und an der jährlichen Prozession teilnimmt, als wäre es die eigene Beerdigung. So geht Emilia am Morgen des 29 Juli mit ihrem Vater, der noch einen Verband um die Brust gewickelt trägt, in die Kirche. Der kleine Tempel ist randvoll mit Menschen die gegen ein Entgelt Bilder, Tücher oder andere Gegenstände an dem Gewand der Heiligenfigur reiben wollen, als würde damit eine wunderliche Kraft übertragen. Auch einige Kinder werden mit ausgestreckten Armen angehoben, um das Standbild zu berühren. Die stickige warme Luft lässt ahnen, was auf sie und José Ramón, der ebenfalls sein Gelübde erfüllen will, zukommt: fast eine Stunde in einem offenen Sarg bei glühender Sonne. Emilia bedeckt deshalb ihr Gesicht mit einem gelben Fächer, der Mann mit einer verknitterten Regenmütze. Der Trauerzug entfernt sich nicht weit von der Kirche, zieht ein kurzes Stück an Weinreben vorbei und kehrt dann über den Festplatz, der mit Kinderattraktionen und Spielbuden vollgestellt ist, zu seinem Ausgangspunkt zurück. Aber es geht langsam voran, die Kapelle spielt traurige Märsche und die Hitze macht es allen schwer, denen, die tragen, wie auch denen, die getragen werden.

Veröffentlicht von

Michael Kopa

1954 in Hamburg geboren arbeite ich seit über 20 Jahre als Bildjournalist in Galicien.

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