Manfred Gnädinger und die Costa da Morte – ein Leben als Kunstwerk

Manfred Gnädinger
Man vor seiner Hütte – Wikipedia

Im Jahr 1961 oder vielleicht 62, darüber sind sich nicht alle einig, tauchte in dem kleinen Fischerort  Camelle an der Costa da Morte ein junger unbekannter Deutscher auf. Er war allein, gut gekleidet und hatte einen Rucksack als einziges Gepäck. Erst fast 50 Jahre später erfuhr die Öffentlichkeit, dass er der ehemalige Konditoreigeselle Manfred Gnädinger war. Am 27. Januar 1936 in Radolfzell geboren, hatte er die Schulzeit in Böhringen verbracht. Im Jahre 1953 schloss er seine Lehre im Café Keller, wo angeblich die Schwarzwälder Kirschtorte auf die Welt kam, mit guter Note ab. Aber er hatte für die Zukunft andere Pläne. Er wollte Künstler sein. Ende der fünfziger Jahre stellte er Selbstbildnisse und Grafiken in Luzern und Basel aus. In der Lokalpresse wurde er verrissen. „Unreif und undiszipliniert“ nannte ihn der Kritiker einer Basler Zeitung. Daraufhin zog es ihn nach Italien, eine für unruhige deutsche Seelen klassischer Reise der Selbstfindung.   Später arbeitete in einer Besserungsanstalt als Erziehungshelfer und kehrte schliesslich zu seinem Elternhaus zurück. Aber dort hielt er es nicht lange aus und eines Tages bat er seinen Bruder, ihn an einem geeigneten Ort zu lassen, um Autostop zu machen. Und so begann seine letzte große Fahrt, die ihn bis nach Camelle  führte, einen kleinen Ort der galicischen Küste des Todes, ganz in der Nähe von Finisterre, dem „Ende der Welt“. Er sprach kein Wort spanisch und die Anwohner führten ihn zu Eugenia Heim, der deutschen Frau des Lehrers Pepe Baña. Sie vermietete ihm ein Haus am Eingang des Ortes, wo er bald ein Museum seiner eigenen Werke einrichtete. Einige Zeit später starb sie an einer schweren Krankheit und der Rest der Familie hatte kein Verständnis für den eigenwilligen jungen Deutschen, der ihr Haus in eine Kunsthalle umwandelte. So musste er es verlassen. Aber Manfred Gnädinger gab nicht auf. Er erwarb ein felsiges Grundstück dicht am Hafen. Dort war es nur erlaubt, Schuppen zu errichten, wie ihn die Fischer für ihre Netze und Reusen benutzen, aber keine Häuser. So baute er sich aus den Resten verschiedenster Materialen eine Hütte ohne Strom- und Wasseranschluss. In ihr lebte er von nun an, umringt von Skulpturen, die er nach und nach aus Steinen, Strandgut und Mörtel formte. Die Landschaft der Costa da Morte, geprägt von runden kugeligen Felsbrocken, die wie vergessene Riesenmurmeln im Gelände verstreut herumliegen, hatte ihn wohl zu Formen inspiriert, die stark an die Werke des katalanischen Architekten Gaudi erinnern. Andererseits zeigten später seine Aufzeichnungen, dass er diesen Künstler gut kannte. Als ergänzender Gegensatz seines Steingartens bemalte er auf der anderen Seite der Hafenbucht Felsbrocken in abstrakter Form. Wenn jemand  sein Museum besuchen wollte, musste er 100 Peseten Einritt bezahlen und bekam dafür einen kleinen Block und einen Bleistift, um seine eigenen Beobachtungen zu skizzieren. Aber wie er einerseits die Natur in Kunst verwandelte, so versuchte er andererseits auf radikale Weise, nicht im Widerspruch zur ihr zu leben. Immer barfuß, im Sommer und im Winter nur mit Lendenschurz bekleidet, ass er fast nie weder Fisch noch Fleisch und ernährte sich hauptsächlich von Algen, wilden Früchten und Pilzen. Täglich schwamm er im Meer und hielt sich durch kilometerlange Dauerläufe fit.

Viele glaubten, dass diese Entwicklung zur Radikalität durch die unerwiderte Liebe zu einer Frau ausgelöst wurde. Mercedes Martin, 45, ist da anderer Meinung. Sie ist als Stadträtin von Camariñas für Camelle zuständig, das zu dieser Gemeinde gehört. Gleichzeitig ist sie Vizevorsitzende der Stiftung „Man“, wie der Deutsche von allen genannt wurde. „Ich habe mit der Frau, in die er angeblich verliebt war, gesprochen. Sie hat mir gesagt, dass daran nichts wahr ist“, erklärt sie. „Ein schwerer Schlag hingegen war für ihn der Tod der Deutschen, weil sie viel Verständnis für seine künstlerischen Absichten zeigte und ihm das Haus zur Verfügung stellte.“ Es ist wohl wahrscheinlicher, dass niemand an der galicischen Costa da Morte, wo das Leben für die meisten Menschen sehr hart ist, sich vorstellen konnte, freiwillig ein Leben wie Manfred Gnädinger zu führen, ohne dass ihn etwas schwerwiegendes aus der Bahn geworfen hätte. Ein gebrochenes Herz ist die romantischste Erklärung dazu.

Die Küste des Todes

Museum Manfred Gnädinger
Antón Sobral vor den Körperabdrücken, die Man im Schutzdeich hinterliess

 

Die wilde Schönheit der Landschaft und die beeindruckenden Aussichten auf den atlantischen Ozean können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Küste zu recht ihren Namen trägt. (In etwas über hundert Jahren sind 60 Schiffe allein in der Zone zwischen Camariñas und Camelle versunken. Darunter im November 1890 das britische Kriegsschiff HSM Serpent, eine der grossen Seetragödien der neueren Geschichte. Von 175 Seeleuten konnten sich nur drei retten, als der Marinekreuzer bei stürmischem Meer auf die Felsen auflief. Die Bewohner begruben die Toten, die nach und nach von der Brandung angeschwemmt wurden, direkt am Strand; noch heute erinnert der „Englische Friedhof“ an die Opfer.)

Ein schwerer Sturm zerstörte 1979 alle Fischerboote in Camelle bis auf eins, und die Fischer mussten 7 Jahre warten bis ein Schutzdeich gebaut wurde. Dies führte aber zum Konflikt mit Man. Der Bau grenzte an seinem Freilichtmuseum, die Idee von der unberührten Natur erlebte einen schweren Rückschlag. Manfred Gnädinger wehrte sich, wie er konnte, er wollte die Arbeiten mit allen Mitteln verhindern und scheute auch nicht davor zurück, sich mit einem Sitzstreik zu widersetzen. Am Schluss musste er nachgeben und hinterließ im weichen Zement Abdrücke seines Körpers, daneben das Datum: 13. 11. 1986. Nun war auch der Deich in sein Werk eingeschlossen.

Auf den Tag genau 16 Jahre später schlug der griechische Öltanker „Prestige“ vor der Costa da Morte leck und verlor in den folgenden Tagen einen grossen Teil seiner Fracht von 77.000 Tonnen Schweröl, bis er am 19. November 2002 versank. In der Nacht zum 20.Dezember erreichte der Ölteppich die Küste und bedeckte Felsen und Strände mit einer schwarzen, giftigen Masse, die an einigen Stellen bis zu einem Meter dick war. Auch in Camelle, auch das Museum des Deutschen. Für Man war das mehr als eine Umweltkatastrophe, es war das brutale Ende seines Lebensprojektes. Hinzu kam, dass er gesundheitliche Probleme hatte. Am 26. des gleichen Monats bat er im Arztzentrum von Camelle eindringlich, die Behandlung seines kranken Beines fortzusetzen. „Pierna muerta – hombre muerto“ ( Bein tot –  Mann tot) schrieb er wie eine düstere Prophezeiung auf einen Zettel an seine Ärztin, die an diesem Tage abwesend war. Zwei Tage später wunderte sich ein Nachbar, dass die Zeitungen unberührt vor der Tür lagen. Er schaute durch das Fenster und sah den leblosen Körper. Die Polizei öffnete die Tür und die schlimmsten Erwartungen bewahrheiteten sich: Manfred Gnädinger war tot.

Das Erbe

Freilichtmuseum Manfred Gnädinger
Ein Teilnehmer des Kunstseminars zeichnet in den Resten des Freilichtmuseum, das Man hinterliess.

Der Nachlass des Künstlers war in jedem Sinne bemerkenswert und aufklärend. Unzählige Bücher, Schriften, Briefe, Skizzen, Zeichnungen, Collagen, Papierskulpturen und Fotografien offenbarten, dass er nie aufhörte, sich weiterzubilden, und dass für ihn Leben und Schaffen im ständigen Austausch verwoben waren. Er war ein Dilettant oder besser ein Amateur als Künstler, aber er besaß unzählige Veröffentlichungen über Kunst und ihre Geschichte (die gesamte Ausgabe von Kindlers Malerei Lexikon, die Kunst des 20. Jahrhunderts von Taschen zum Beispiel) und er schrieb in ihnen mit einer winzigen präzisen Schrift seine eigenen Randbemerkungen. Er verfasste Aphorismen wie „Sparen ist Kunst, Kunst spart“ oder „Wer nicht spart, spart nicht mal Zeit, eher vertut er alles zum Zeitvertreib“. Briefe zeigen, dass er versuchte sein Werk bekannt zu machen und in Kontakt mit dem spanischen Fernsehen und mit der lokalen Presse trat. Eine weitere Überraschung war, dass er 102000 Euros gespart hatte. Vor einem Notar hatte er erklärt, dass diese dazu dienen sollten, sein Museum zu erhalten. Nach seinem Tod interpretierte man diesen letzten Willen so, dass er das Geld dem spanischen Staat vererben wollte. So verschwand es in Händen des Fiskus auf Nimmerwiedersehen. Dieser Umstand und dass die für die Küste verantwortliche Behörde bis 2007 niemandem erlaubte, Konservierungsarbeiten vorzunehmen, provozierte eine authentische Protestbewegung. Intellektuelle, Musiker, bildende Künstler, Restauratoren und die Anwohner von Camelle waren sich einig: Mans Werk musste erhalten werden. Die Stiftung Man zählte die Besucher, die nach Camelle kamen, um das verrottete Museum zu sehen. Es waren im Jahr ihrer Gründung (2008) 6000. Mehr Besucher als die des Museums für Zeitgenössische Kunst in Santiago de Compostela, betont Carmen Hermo, 44. Sie hat einen Lehrstuhl an der Hochschule für Konservierung und Restaurierung von Kulturgütern in der galicischen Stadt Pontevedra. Mit ihrem Kollegen Antón Sobral, 60, vereint sie jährlich Kunstschaffende in Camelle, um sich praktisch und theoretisch mit Mans Werk auseinanderzusetzen. Zu dem ersten Treffen vor 6 Jahren kam Nils-Udo, ein bayrischer Künstler, dessen Beiträge zur Land Art bei Eingeweihten grosse Anerkennung finden. In späteren Seminaren nahmen die zu jener Zeit Verantwortlichen für Restaurierung der Museen Museo de la Reina Sofia und Museo del Prado teil. Aber das Gewicht dieser im offiziellen Kunstmilieu bedeutenden Persönlichkeiten, reichte nicht aus, um den Verfall der Werke Manfred Gnädingers aufzuhalten. Die das am meisten bedauern sind die Bewohner des Ortes, von denen viele in der Vergangenheit emigrieren mussten, um einen Lebensunterhalt zu finden. Sie haben begriffen, dass der seltsame Deutsche und seine Skulpturen die grösste Attraktion ihres kleinen Fischerdorfs sind. Immer noch kommen Busse mit neugierigen Besuchern, die das Werk dieses radikalen Künstlers sehen und verstehen wollen. Freiwillige der Stiftung Man führen sie durch die traurigen Reste des Museums und zeigen ihnen im  Kulturzentrum des Ortes, das nach ihm Casa do Alemán genannt wird, Dokumente, Gemälde und Fotografien. Und sie geben dabei die Hoffnung nicht auf, eines Tages Mans Schaffensstätte doch noch restaurieren zu können.

Veröffentlicht von

Michael Kopa

1954 in Hamburg geboren arbeite ich seit über 20 Jahre als Bildjournalist in Galicien.

Ein Gedanke zu „Manfred Gnädinger und die Costa da Morte – ein Leben als Kunstwerk“

  1. Danke für den informativen Artikel über Man!
    Ich besuchte ihn im Jahr 1991 zweimal und habe damals beinahe einen ganzen Nachmittag mit ihm verbracht. Anfangs meinte er, er wolle nicht viel reden, da er ja ein Eremit sei, doch dann fasste er Vertrauen zu mir und erzählte mir viele Dinge über das einfache Leben und die Philosophie Schopenhauers. Seine Begeisterung für Schopenhauers Aphorismen wirkt auch heute noch in mir fort. Ich hatte zudem den Eindruck, einem edlen Menschen begegenet zu sein.
    Mittlerweile wohne ich in der Nähe von Radolfzell, doch dort ist seine Geschichte leider nahezu unbekannt. Es wäre auch schön, wenn es hier am Bodensee ein Museum für ihn gäbe…

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