Prinzip Hoffnung am Atlantik

An der Costa da Morte fast leere Strände zu finden, ist kein Problem, viele sind riesig, liegen am offenen Meer und sind deshalb auch oft gefährlich. Andere sind geschützter und ohne Strömungen, in denen man sein Leben riskiert, aber trotzdem so wenig besucht, dass man zum Beispiel ohne Angst, jemanden zu belästigen, seinen Hund ausführen kann. Area Maior, ganz in der Nähe von Muxía, ist ein solches kleines Fleckchen Naturparadies, eine Bucht mit niedrigen Dünen, sauberem Wasser und von Bäumen umsäumt. Dort kann man fast täglich einem schlanken hochgewachsenen Mann begegnen, dessen weisse schüttere Haare und sein gleichfalls weisser Bart nicht so richtig zu den elastischen fast jugendlichen Bewegungen passen wollen. Ihn begleitet ein grosser schwarzer Labrador. Der Hund hört auf den Namen Sorte (das galicische Wort für Dusel), und Glück hat er gehabt, weil er ausgesetzt und verlassen jetzt mit seinem neuen Herrchen zweimal am Tag am Strand spazieren kann. Das Herrchen ist Detlef Kappeler, ein deutscher Maler, der vielen als Künstler bekannt sein dürfte, der oft aneckte und störte, wenn er sich für Menschen einsetzte, die er verfolgt glaubte. 1938 in Stettin geboren, lernte er im Alter von 7 Jahren Zerstörung, Gewalt und Verfolgung kennen, Erlebnisse die ihn noch heute bewegen. 1945 musste er mit seinen Eltern die zerbombte Stadt in einem Flüchtlingstreck, der von Tieffliegern angegriffen wurde, verlassen. Zuvor hatten die Nazis seine Großmutter im Rahmen der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, der Zwangseuthanasie ermordet. Diese Kindheitserfahrungen und sein „militanter Optimismus“, wie ihn Ernst Bloch forderte, bestimmen seine Arbeiten bis heute. Der Name des Autors des „Prinzips Hoffnung“ sowie der seines verstorbenen Freundes Erich Fried tauchen häufig in den Gesprächen auf, die der Maler über sein Werk führt. 1985  wollte die Universität von Hannover sein Theodor Lessing Bild nicht aufhängen, weil im Hintergrund auch das Gesicht des Hochschullehrers Peter Brückners zu sehen war.  Dieser hatte ein vierjähriges Berufsverbot erlitten, weil er die Veröffentlichung des Bubacksnachrufes  unterstützt hatte. Ein Jahr nach seiner Rehabilitation, starb er  1982 an einem Herzversagen. Es ist wohl bezeichnend, dass in dem gleichen Gemälde auch das Gesicht der ermordeten Grossmutter erscheint. Heute lebt und malt Detlef Kappeler in einem der typischen Steinhäuser des pittoresken Örtchens Chorente. Nach vielen Jahren in Barcelona, suchten er und seine Frau Almut die Ruhe. Sie wollten die Stadt, ihr Lärm, die Hitze  des Mittelmeersommers hinter sich lassen. „Am Mittelmeer erstickt man“, sagt Almut. So zog es sie immer weiter in den Nordwesten – bis zum Atlantik. „Hier ist es wie zu hause“, fährt die Norddeutsche fort, „hier fühle ich mich nicht fremd, nur die Sprache ist eine andere.“ Detlef Kappeler ergänzt:“ Meine Kunst fühlt sich am Atlantik besser vermittelt als im Mittelmeerraum.“ Ein lokaler Kritiker hat den deutschen Maler in einer Linie mit der galicischen Romantik gesehen. Der Künstler findet das gut so. „Die Romantik war ja eine aufklärende Ablösung von der traditionellen Kunstauffassung.“ Aber er besteht darauf , dass es ihm letztlich um das „zukünftig Mögliche „ginge – was alles „jetzt nicht definierbar, aber existent ausserhalb unserer Welt“ sei. Romantiker ja, aber nur als Ausgangspunkt für die Ideen Ernst Blochs. So malt und zeichnet er mit allen Techniken, die ihm zur Verfügung stehen, expressionistisch und wild. Auf einem Tisch seines Ateliers liegt das Buch Les travailleurs de la mer von Victor Hugo. „Der Ozean blüht.“ ist einer der Titel seiner Bilder.

Veröffentlicht von

Michael Kopa

1954 in Hamburg geboren arbeite ich seit über 20 Jahre als Bildjournalist in Galicien.

Ein Gedanke zu „Prinzip Hoffnung am Atlantik“

  1. Lieber Detlef.
    Endlich wieder Kontakt zu dir.
    Kannst du dich dich bitte einmal melden , ich müchte gerne Kontakt und Austausch mit dir.
    Liebe Grüße, Stephan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.